Das Buch

Von Null auf 100 auf null

Was heute fast nicht mehr existiert, war einst bunt und vielfältig und in Wien weltberühmt.

Man muss die dürre Gegenwart, die nur mehr eine der altehrwürdigen Wiener Fahrradmarken übriggelassen hat, ein wenig beiseite schieben, um freie Sicht auf die Vielfalt vergangener Tage zu gewinnen: Hunderte Marken durften ab 1818 alleine in Wien aufblitzen, viele davon mit eigener Fertigung. Davor gab`s kein Fahrrad, jetzt (fast) nur mehr Fernost.

Wir haben einen schlanken Trennstrich im Jahr 1930 gezogen und uns auf die Zeit danach konzentriert – so willkürlich, wie er ohne Erklärung hier aussehen könnte, ist dieser Trennstrich allerdings nicht: Über die letzten 80-und-ein-bisserl-was-Jahre lassen sich Zeitzeugen treffen, gesicherte Quellen ausheben, vergleichsweise einfach Zeitungen und Zeitschriften finden (zum Beispiel bei uns selbst), und ein paar der Jahre haben wir ja selbst auch schon wachen Auges und intakten Wadels miterlebt. Seite 248

Die Fahrräder, die in diesem Buch vorfahren, wurden aber kaum aus großen Fabriken gerollt, sondern aus oft winzigen Werkstätten. Heute würde man sie Manufaktur nennen, aber damals war das Wort noch längst nicht in Mode. Im Rückspiegel der Geschichte scheint es, als hätte jeder Wiener Fahrradhändler und -mechaniker auch selbst Fahrräder produziert, so bog der Sammelbegriff gut auszentriert ums Eck: Die Wiener Mechanikerräder. Wobei nicht alle diese Hersteller ihre Rahmen wirklich selbst gelötet haben – was heute als Badge-Engeneering längst etabliert ist, wurde auch in den 30er bis 80er Jahren schon praktiziert.

Die Regeln für dieses Buch sind einfach: Wer selbst produziert hat oder in Wien produzieren ließ, kommt in Wort und Bild vor. Wer seine Rahmen von außerhalb Wiens bezog, von großen Fabriken gar, wird natürlich erwähnt, aber ohne Fotostrecke.

Freilich ist uns dieses Buch nicht einfach passiert. Alle Mitwirkenden (Walter Schmidl, Werner Schuster, Martin Strubreiter, Michael Zappe, auch Verleger Richard Hollinek) sammeln selbst, und das sehr eifrig, wie der Pegelstand in manchem Keller oder Dachboden oder auch Literaturarchiv zeigt. Das geballte Wissen zu einem Buch zu verdichten, war irgendwann der logische Schritt, und hier ist es. Die Vorbereitungen zu diesem Buch haben rund 30 Jahre gedauert, so lange sammeln manche von uns bereits. Das letzte Jahr war natürlich das intensivste: Wir haben die Archive gelüftet, haben in Adressbüchern, Branchenverzeichnissen, und weiteren Quellen Jahr für Jahr nach Marken geforscht, in Bibliotheken nach alten Inseraten gesucht, haben die geduldigen, gesprächigen Zeitzeugen der frühen Wiener Fahrradjahre befragt und, wo möglich, die einstigen Eigentümerfamilien ausgeforscht und bei ihnen angeklopft. Haben kombiniert, Schlussfolgerungen gezogen und alles chronologisch und alphabetisch einsortiert. Manche Marken scheinen der Nachwelt nicht viel mehr als ein kleines Inserat hinterlassen zu haben – wo dieses Buch weder Texte noch Fotos zeigt, konnten selbst wir in emsiger Sammlertätigkeit kein Fahrrad auftreiben. Wir haben diese Marken natürlich dennoch ins Buch geholt, damit der Überblick vollständig wird. Waren zur Zeit des Groß-Wien, also von 1938 bis 1954, weitere Marken im Stadtgebiet, so sind auch sie erwähnt. Bei der Auswahl der Fotomodelle haben wir uns bemüht, möglichst viele Räder im Originalzustand oder im originalgetreu restaurierten Zustand aus den Sammlungen zu zupfen.

Seite 151

Daher sind manche Fahrräder auch (sehr) patiniert, aber was die neue Charta von Turin für automobile Oldtimer vorschlägt und Museumsrestauratoren ohnedies schon längst praktizieren, haben wir auch schon lange gemacht: Bewahrung aller Spuren und Materialien, die von vergangenen Zeiten künden. Dinge, die Jahrzehnte lang gefahren wurden, können eben nicht mehr aussehen wie neu, zu viele Fahrräder wurden schon mit Fantasielackierungen zerstört, und wir fröhlichen Sammler lassen uns die Lachfalten ja auch nicht wegoperieren, um auszuschauen wie Kleinkinder.

Seite 235

Um Sammlern Anhaltspunkte zu liefern, wird auf Originallack und Rahmennummern in den Bildtexten hingewiesen. In seltenen Fällen sind Ausstattungsdetails zu neu, dann sind auch sie erwähnt – der Umkehrschluss, dass alle anderen Komponenten stimmig sind, ist zulässig. Historische Fotos stammen generell aus den Jahren 1930 bis 1980, allerdings haben wir uns freudig auf manchen Ausreißer eingelassen: Im Zweifelsfall haben wir einem besonders guten Foto den Vorrang vor dogmatischer Befolgung der selbst gesteckten Baujahresgrenzen gegeben, aber ohnedies im Bildtext alles zugegeben. Knausrig mag bisweilen unser Umgang mit Vornamen erscheinen. Natürlich hätten wir gerne jedem erwähnten Radfahrer seinen kompletten Namen vergönnt, allerdings sind oft nur mehr Familiennamen alleine überliefert – Zeichen einer Zeit, in der fast ausschließlich per Nachname miteinander verkehrt wurde. Wo die Erinnerung der Zeitzeugen also auf den Familiennamen beschränkt blieb und auch das Internet nicht aushelfen konnte, muss die Erwähnung leider auf den Zunamen beschränkt bleiben. Dass machen Marken mehr Platz gewidmet wird als anderen, hat mit der Verfügbarkeit von Informationen und indirekt natürlich auch mit der einstigen Marktpräsenz der einzelnen Firmen zu tun. Damit sind wir natürlich nicht unfehlbar geworden: Dieses Buch möge auch die Diskussion in Schwung halten und unsere klugen Leserinnen und Leser animieren, das Wort zu ergreifen – wer also Ergänzungen,  Anmerkungen, Ausschmückungen beisteuern kann, soll nicht zögern, uns zu kontaktieren Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! . Wer Fahrräder einer Marke besitzt, von der wir kein Fotomodell auftreiben konnten, würde uns mit einer Gelegenheit zur Besichtigung sehr erfreuen. So wollen wir uns gemeinsam zur zweiten Auflage vortasten, die hoffentlich kommen wird und wie bei zweiten Auflagen üblich ergänzt und überarbeitet sein wird. Genug der Aufwärmrunde.

Auf mehr als 300 Seiten schwingen wir uns in die Sättel der über 100 Fahrradmarken, die Wien zwischen 1930 und den 80er Jahren sah, von Alpenrad bis Ziel. Die letzte verbleibende der altehrwürdigen Wiener Radmarken ist übrigens Capo, Auftritt auf Seite 28.

Wir wünschen allen unseren LeserInnen ebenso viel Spaß beim Lesen, wie wir ihn beim Sammeln, Recherchieren und Schreiben hatten,

Die Wiener Fahrrad-Sammlerrunde!

 

Buch kaufen      Probeseiten lesen      Making Of